Muss es diese Seilbahn sein?

Geht es um ein Verkehrsmittel oder um eine Attraktion?
Mit der Seilbahn direkt vom Zugbahnhof, über den Brixner Talkessel fliegend, nach St. Andrä, genauer gesagt zur Talstation der Umlaufbahn nach Kreuztal. Viele Befürworter der Bahnhof-Variante reden oder schreiben so, als ob sie in dieser spektakulären Seilbahn die einzige erfolgversprechende und realisierbare Möglichkeit zu sehen vermöchten, der Stadt Brixen mit dem Ploseberg eine lebenswerte Zukunft zu sichern (die nur vom Tourismus getragen sein könne). Wenn ich die im Umlauf befindlichen Argumente abwäge, so komme ich zum Schluss, dass es verkehrstechnisch weniger ins Auge fallende und weniger angstmachende und weniger kostspielige Lösungen gibt, um Menschen nach St. Andrä zu bringen, und das gilt auch dann, wenn man die unsichere Annahme zugrunde legt, dass ein beachtlicher Teil derjenigen Touristen, die auf den Ploseberg fahren wollen, mit der Bahn anreisen würde. 
Es geht also in Wirklichkeit darum, ob Brixen irgendeine Attraktion braucht und wer von einer solchen Attraktion welchen Nutzen ziehen soll. Von der Beantwortung dieser Fragen hängt es ab, von welcher Art das Neue gegebenenfalls sein sollte.

Die Seilbahn als ästhetische Attraktion?
Ich bin grundsätzlich dafür, die Attraktivität der Stadt Brixen gezielt durch neue und auch ungewohnte Elemente zu bereichern. Manches von dem, was wir heute besonders schätzen, ist nicht durch langsames Wachsen quasi von selbst entstanden, sondern durch herzhaftes Wollen geschaffen worden; das gilt sowohl für die Gestaltung der Bauten und des Stadtbildes als auch für den Bereich der Institutionen und der Aktivitäten. Und so stelle ich mir einmal die Frage, ob man das Seilbahnprojekt mit der Talstation am Zugbahnhof nicht auch unabhängig davon, ob es verkehrstechnisch vorteilhaft ist, positiv bewerten könnte: Als schönes Bauwerk vom Boden aus betrachtet und als verlockendes Erlebnis für die Benützer beim Überflug, als künstlerische Installation, welche den Sinnen Genuss und dem interpretierenden Geist anregende Nahrung bieten würde. Ist es denkbar, dass konstruktive Lösungen gefunden (und bezahlt!) werden könnten, die wir, vielleicht nach einer Zeit der Gewöhnung, als schön empfinden würden? Wären die Befürworter des Bahnhofprojektes überhaupt bereit, dem ästhetischen Aspekt nennenswertes Gewicht zu geben, etwa durch die Ausschreibung eines Wettbewerbes für Architekten und Städteplaner? 
Auch wenn man es als Kunst im weiten Sinne betrachtet, wäre ein so großes Projekt im öffentlichen Raum auf seine Zumutbarkeit für jene Bürger zu überprüfen, die am direktesten davon betroffen sind. Die Bedenken der überflogenen Bürger sind ernst zu nehmen, und ich möchte keinesfalls Menschen, die sich davor ängstigen, eine ästhetische Sensation über die Köpfe spannen. Wenn man nicht unter dem Seil wohnt, sagt es sich leicht, dass es statistisch betrachtet viel gefährlicher ist, ein Auto zu benützen als unter dem Seil zu wohnen.

Ein alternatives Projekt, eine andere Attraktion (wer große Worte liebt,
nenne es eine ‚Vision‘)!

Ich wünsche mir für Brixen eine lebendige Entwicklung, aber eine, die sich an jene Überlegungen und Stellungnahmen anschließt, die Brixen vor allem als Ort der Kultur und eines damit verbundenen touristischen Angebotes sehen. Deshalb bringe ich einen anderen Vorschlag, auch eine Attraktion, auch ein Projekt, das nicht nur Zustimmung erfahren würde, durch das sich aber niemand physisch bedroht fühlen würde. 
Brixen soll durch ein gut durchdachtes Projekt für Kunst im öffentlichen Raum von sich reden machen, Brixen mit dem Umland soll ein Freilichtmuseum für zeitgenössische Kunst werden, für solche zeitgenössische Kunst, die einer anspruchsvollen Auseinandersetzung standhält.
 Als Pendant dazu könnte ich mir sehr gut eine schonende Erweiterung des Diözesanmuseums um eine Abteilung für aktuelle Kunst vorstellen. 
 Gegen eine Art Lunapark würde ich mich wehren. Auch wenn Kunst oft umstritten ist, halte ich nicht viel davon, jede Banalität zu Kunst hochzustapeln. Diskussionen, Symposien, Kongresse sollen speziell die Werke für Brixen begleiten, aber auch allgemeine Fragen zu Kunst und Kultur und zur Gestaltung der Lebensräume thematisieren. Es gibt nicht nur geschwätzige Sophistik, sondern auch ein gehaltvolles Streiten und Unterscheiden, wenn es um Werte geht, darum, was wir sind und wie wir uns weiterentwickeln wollen. Brixen als Knoten in solchen kulturellen Netzwerken! 
Dieses Projekt würde auch gut an Einrichtungen und Veranstaltungen anschließen, die es in Brixen bereits gibt, wie zum Beispiel das Diözesanmuseum, Musik und Kirche, Universität, Philosophisch-Theologische Hochschule und Cusanus-Akademie, terra institute, International Mountain Summit, Osterseminarkongress.

Das viele Geld!?

Das viele Geld. Zu einer wirklichen Attraktion für einen größeren Umraum kann ein solches Projekt nur dann werden, wenn auch bekannte Künstlerinnen und Künstler dabei sind und wenn auf der Seite der Vermittlung und Theorie ausgewiesene Experten mitarbeiten. Das kostet was. Eine Seilbahn, deren Hauptrechtfertigung das Element des Spektakulären ist, darf 35 Millionen kosten, und es würde nicht lange dauern, bis die Notwendigkeit ins Feld geführt würde, den Touristen, die angelockt werden sollen, am Berg weitere Attraktionen zu bieten – also noch einmal fünf oder zehn Millionen zu investieren. 
Was darf ein Kulturprojekt kosten, das durchaus auch spektakuläre Elemente enthalten würde, das sich aber zusätzlich an hohen ästhetischen und inhaltlichen Ansprüchen messen lassen möchte? Da werden jetzt viele aufschreien, wenn ich 10 oder 15 Millionen vorschlage, und von der Notwendigkeit des Sparens reden und von der Not der Welt im Allgemeinen. Aber warum schreien diese Leute nicht auf, wenn in unserem perversen Wirtschaftssystem unendlich viel Ramsch produziert und weggeworfen wird, wenn ungeheure Ressourcen in Waffen und Kriege fließen, wenn oft nicht die Not, sondern nur die menschliche Gier die Umwelt zerstört, wenn es eine schamlos ungerechte Verteilung der Güter gibt, die noch dazu jedem Kriterium des persönlichen Verdienstes Hohn spricht? Da lasst uns schreien, laut, manchmal vielleicht auch mit Kunst! Teilen wir die 40 oder 45 Millionen in drei ungefähr gleiche Teile: eine effiziente, aber weniger auffällige Lösung für den Verkehr nach St. Andrä, das Kunstprojekt für Brixen und das Umland, Unterstützung von dringenden Sozialprojekten. Würden sich private Geldgeber finden, die solche Gedanken mittragen und mitfinanzieren wollten? Warum sollte ich es von vornherein ausschließen, dass es auch hierzulande wohlhabende Bürger und Unternehmen gibt, die es als Verpflichtung ansehen, anspruchsvolle öffentliche Projekte zu ermöglichen? Der Anteil, der an öffentlichen Geldern bereitgestellt werden müsste, betrifft alle Bürger direkt und ist politisch nicht mehr und nicht weniger zu vermitteln und zu rechtfertigen als alle anderen größeren öffentlichen Ausgaben. Und vielleicht wäre es sogar möglich, das Kulturbudget durch Beiträge der EU aufzustocken.

Freunde, macht mit!
Zeitgenössische Kunst und kulturelle Debatten vermögen es, Menschen in Bewegung zu setzen, dafür gibt es erfolgreiche Beispiele. In unserer Nähe etwa Arte Sella im Trentino, die Kunstgärten in der Toskana; kleinere Kunstprojekte gibt es auch in Südtirol, z. B. in Völs am Schlern, Lana, Gais. Oder die Toblacher Gespräche, die oben genannten Brixner Veranstaltungen, das “festival della filosofia” in Modena, Carpi und Sassuolo.

Es geht darum, für Brixen die richtige Größe und die richtige Mischung zu finden, sodass Anziehungskraft, qualitativer Anspruch und Machbarkeit zusammenkommen können.

Hans Knapp, Künstler, Brixen

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2 thoughts on “Muss es diese Seilbahn sein?

  1. amira111

    Molto interessante il tuo intervento, giá letto tempo fa, anche se te lo scrivo solo ora.
    Perché non lo diffondi sui media, magri in un’iniziativa comune con altri artisti?
    amira111

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